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„Von Bäumen, die singen können“ (Teil 1/4)
Nur einer schafft es – nur etwa einer von 10.000 Fichten- stämmen kommt auf den Werkstatttisch von Martin Schleske, damit aus ihm eine Geige der Meisterklasse wird. Leiden muss so ein Baum – 200 bis 300 Jahre lang auf magerem Boden raues Klima erdulden, Wasser- knappheit aushalten und die eisige Kälte im Gebirge kurz unterhalb der Baumgrenze durchstehen. Nur aus einem „krisengeschüttelten“ Stamm, der sich langsam wachsend durch sein Leben kämpfen musste, wird ein gutes Klang- holz. Eine Fichte in der Ebene, unter besten Bedingungen und im Überfluss schnell in die Höhe geschossen, hat keine Widerstandskraft. Sie hat kein klingendes Resonanz- holz, keine Persönlichkeit. „Unser Leben ist ja auch kein Weg im Flachland, auch der Mensch entwickelt sich durch Krisen“, sagt der Geigenbaumeister Martin Schleske. Die New York Times bezeichnet ihn als einen der „führenden Geigenbauer unserer Zeit“, die deutsche Tageszeitung Die Welt nennt ihn den „Stradivari des 21. Jahrhunderts“.
Aber was ist denn das Geheimnis weltberühmter Geigen? Das richtige Klangholz zu finden? Das handwerkliche Können, die präzise Schleifarbeit? Oder die beinahe thera- peutische Sensibilität des Geigenbauers, in seinem Gegenüber zu erkennen, welche Art Geige genau zu diesem Musiker passt?
Es gibt sie nur in ganz bestimmten Gegenden der Alpen, diese „Giganten der Gebirge“, oft an die 50 Meter hoch, astfrei und von enormer Festigkeit. Diese Bergfichten sind es, von denen Martin Schleske sagt, in ihnen liege die „Berufung zum Klang“. Früher ist der 45-Jährige selbst im Bergwald herumgeklettert, hat sich in den bayrischen Alpen durch Schnee und Kälte gekämpft, mit Proviant und Kettensäge im Gepäck. Jeder Geigenbauer hat so seine Informanten, ein Netzwerk aus Förstern und Holzhändlern. Hat ein Sturm oben am Berg einige der massiven Fichten gefällt, beginnt das Rennen. Jetzt schnell nach oben und sich die besten Stämme sichern, bevor andere davon Wind bekommen...„Einen speckigen Glanz muss das Holz haben, wenn es aufgeschnitten wird, es darf nicht staubig aussehen“, sagt Schleske. Wenn zurechtgesägte Stammteile zum Abtransport den Hang bergab poltern, erkennt er als Fachmann bereits, ob der Baum ein „Sänger“ ist: Manche klingen beim Aufprall „wie ein Glockenschlag, frei und hell im Ton“, andere nur „dumpf und hölzern“. Dieser freie Klang – für ihn nimmt so ein Geigenbauer alle Strapazen auf sich!
Heute fehlt Schleske meist die Zeit für solche Expeditionen. Zwei bis dreimal pro Jahr besucht er seinen Holzhändler, der sich auf Klangholz spezialisiert hat. Doch Detektivarbeit ist es immer noch: „Am wichtigsten ist es nach wie vor, der Erste zu sein, wenn eine neue Lieferung kommt.“ Dann steht er beim Händler, schaut mit Kennerblick oft 3.000 sogenannte „Deckenkeile“ durch, doch nur fünf davon sind wirkliches Spitzenholz.






