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Die Grenzen zwischen Musik und Lärm (Teil 1/3)

„Das ist doch nichts als Krach“, sagten Generationen entnervter Eltern, wenn ihr Nachwuchs anfing, sich für die Musik von Elvis Presley respektive der Beatles oder Rolling Stones und später dann für die Sex Pistols und zuletzt für Hip Hop und/oder Techno zu begeistern. Wo endet „Musik“ und wo beginnt der pure „Lärm“? Oder ist die Unterscheidung am Ende obsolet geworden?

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Die britische Formation The Art of Noise bekannte sich schon im Namen zur Geräuschkunst der italienischen Futuristen und benutzte in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts die beste damals verfügbare digitale Samplingtechnologie, um sich aus Automotoren, Topfdeckeln, „Hey“-Rufen, Jazz-Soli und ganzen Sinfonie-orchestern einen opulenten Patchwork-Noise-Pop zu basteln, der zeitweise ein Millionenpublikum erreichte und bis weit in die Neunzigerjahre einflussreich blieb. Die Mitglieder von The Art of Noise und auch ihre Schweizer Kollegen Boris Blank und Dieter Meier alias Yello brachten das Geräusch in die Pop-Charts. Stücke wie „Close to the Edit“ (AoN, 1984) und „The Race“ (Yello, 1988) strotzten nur so vor clever gesampelten und editierten Klangideen aus der Welt der Technik – eine Art retro-futuristisches Klangmanifest, angereichert mit einem Quäntchen dadaistischen Humors. Während sich AoN den stotternden VW Golf eines Nachbarn akustisch aneigneten, holten Yello den Sound eines aufgemotzten Renn- wagens per Sampler ins Studio. Das machte eine Menge Spaß und viel Eindruck beim Publikum, doch wurde die Idee in den Jahren darauf arg breit getreten, was letztlich zur Vulga-risierung des Samplings führte, an deren Ende dann lallende Frösche („Crazy Frog“), quietschende Kuschelhasen und sonstige Schreckensgestalten standen. Sampling, zumindest in seiner mimetisch abbildenden Daseinsform, war (und ist) seit spätestens Ende der Neunziger ziemlich „out“.

„Wer gegen Veränderung ist, hört nichts“
Herbert Brün

Die Speerspitze der elektronischen Musik, etwa in der Gestalt des Briten Matthew Herbert, machte ihre Geräusche fortan lieber wieder selbst, und zwar live vor Publikum. Herbert betrat einmal die Bühne des Montreux Jazz Festivals mit einer Kiste voller gläserner Behältnisse (Bierflaschen, Gläser etc.), die er mit Hilfe eines Hammers von ihrem eigentlichen Daseinszweck entband. Das Klirren und Scheppern baute er dann innerhalb weniger Momente in minimalistische House-Arrangements ein, die dann live immer wieder neu variiert wurden. Herbert hat also nicht nur wie im Jazz über ein Thema „improvisiert“, sondern hat das musikalische Thema des Musikstücks im Moment seiner Aufführung überhaupt erst geschaffen.

Wie eingangs erwähnt, wollten bereits die italienischen Futuristen wie auch die Dadaisten in Paris, Zürich und Berlin eine Musik entwerfen, die ihre Zeit und ihre Lebenswelt reflektieren sollte. Erik Satie nannte das ironisch „Musique à l’ameublement“, Brian Eno machte daraus rund 60 Jahre später seine „Ambient Music“. Wobei „Ambient Noise“ hierbei eher eine Nebenrolle spielte, vielmehr ging es darum, Musik für bestimmte Räume zu kreieren – wie eine Skulptur oder ein Möbelstück sollte die Musik immer da sein, dabei aber nicht zu sehr stören. Musik als reiner Klangraum und Mobiliar und Musik aus Umgebungsgeräuschen sind dabei zwei Aspekte einer Klangkunst, die sich von den starren Regeln jahrhundertealter Tradition zu befreien versuchte.