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Allein auf weiter Flur (Teil 1/3)
Da steht er: Ein prachtvoller Hirsch, ausgestattet mit einem prachtvollen Geweih, die ersten Strahlen der Morgensonne lassen ihn fast leuchten. Er hebt den Kopf und lässt sein majestätisches Röhren über die Lichtung schallen. Im gleichen Moment hebt der Mann im Hochsitz sein – nein, nicht sein Gewehr, sondern sein Richtmikrofon! Falscher Film? Keine Sorge, Sie sind im richtigen. Hier geht es nicht um Zwölfender und andere Trophäen dieser Art, hier werden Hör-Trophäen gesammelt. In der freien Natur, draußen auf dem Feld – Feldaufnahmen.
Diese Menschen gibt es tatsächlich, die frühmorgens vor Sonnenaufgang aufstehen und statt mit einem Gewehr nur mit einem Aufnahmegerät losziehen, um Tierstimmen in freier Wildbahn einzufangen. „Field Recording“ bedeutet dabei erst einmal nur, dass man Aufnahmen außerhalb eines Studios anfertigt. Doch unter dem Begriff versteht man nicht nur das Aufnehmen von diversen Naturgeräuschen. Am Anfang ging es vor allem um Dokumentation: Große Ereignisse wie Reden von Politikern wurden ebenso aufgezeichnet wie fern jeder Zivilisation lebende Menschen beim Musizieren.
Einer der Field Recording Pioniere war John Lomax. Er hatte sich der Bewahrung traditioneller Folk Gesänge verschrieben. Im Jahr 1869 kam er mit seiner Familie nach Texas und wuchs auf einer Pferde- und Rinderfarm auf. Der junge Lomax war fasziniert vom Mythos des Wilden Westens und von den Cowboy-Liedern, die er dort aufschnappte. Er verließ mit 21 Jahren die elterliche Farm und schaffte es trotz lückenhafter Schulausbildung schließlich bis an die Universität von Harvard, damals das Zentrum für Studien amerikanischer Folklore. Später gründete er mit anderen die „Texas Folklore Society“ und veröffentlichte 1910 ein Buch mit Cowboy-Liedern, das für einige Aufmerksamkeit sorgte. Es sollte allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis er mit seinen ausgedehnten Field-Recording-Touren begann. Erst im Alter von 65 Jahren ging es für ihn los: Mit Aufnahmen von Strafgefangenen in texanischen Gefängnissen. Unter der Schirmherrschaft der „Library of Congress“ in Washington bereiste er zwischen 1933 und 1942 mehr als die Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten. Über 10.000 Lieder trug er für die Abteilung „Archive of American Folk Song“ auf diesen Exkursionen zusammen. Von Anfang an mit dabei: sein Sohn Alan. Und natürlich der „Phonograph“, das Gerät, auf dem – im Kofferraum ihres Autos montiert – die Aufnahmen auf Platten aus blankem Aluminium „geschrieben“ wurden.
Phonography ist eine andere Bezeichnung für Field Recording und heißt wörtlich übersetzt „mit Klang schreiben“ – die Nähe zu dem Wort Photography ist dabei durchaus gewünscht. Einen fast 150 Kilogramm schweren Phonographen zu transportieren, ihn aufzubauen und entsprechend vorzubereiten, war nicht einfach. Die Aufnahme selbst war nicht minder aufwendig: Lomax war zum einen mit Kopfhörer auf den Ohren damit beschäftigt, die Aufnahme auszusteuern und gleichzeitig zügig die Späne zu entfernen, die beim sogenannten „Schnitt der Platte“ anfielen. Diese Aluminiumplatten wurden später durch speziell beschichtete Platten ersetzt, mit denen ein besserer Klang erzielt werden konnte. Ein großer Vorteil gegenüber den zuvor genutzten Wachszylindern, denn man konnte nun zwei Seiten bespielen und die Aufnahme danach direkt anhören. Das mag die Protagonisten für die nicht gerade ideale Aufnahmesituation entschädigt haben.
Auf ihrer ersten gemeinsamen Reise entdeckten Vater und Sohn den Bluessänger und Gitarristen Huddie Ledbetter, genannt Lead Belly. Der saß wegen versuchten Mordes im berüchtigten Angola State Prison in Haft, wurde aber bald darauf wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Damit er gegenüber den Behörden mit einem festen Job aufwarten konnte, arbeitete Lead Belly für kurze Zeit als Assistent und Fahrer für die beiden. Der im Musikgeschäft unbedarfte Lomax Senior übernahm sogar die Rolle des Managers und verhalf Lead Belly zu einem Plattenvertrag. Doch die Verbindung hielt nicht lange und sie trennten sich im Streit – was wiederum Alan Lomax später nicht davon abhielt, den heutzutage legendären Musiker weiter zu unterstützen – zu recht, denn Lomax & Lomax hatten in Lead Belly ja einen wirklich talentierten Mann gefunden. Seine Interpretation des Folksongs „Goodnight Irene“ ist übrigens eine der ersten Aufnahmen, die Lomax & Lomax für die „Library of Congress“ machten.






