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Verdächtige Stimmen (4/5)
Die älteste Form der Sprecherkennung aber ist die durch den Ohrenzeugen – an englischen Gerichtshöfen akzeptiert seit 1660. Doch erinnern wir uns an die Entführung des Lindbergh-Babys. Der Sohn des weltberühmten Fliegers Charles Lindbergh wurde tot aufgefunden. Drei Jahre später: Lindbergh will die Stimme eines Verdächtigen wiedererkannt haben. Der deutschstämmige Bruno Hauptmann wird hingerichtet. Als aber Zweifel an Hauptmanns Schuld aufkommen, wird erstmals systematisch untersucht, wie verlässlich Ohrenzeugen sind. Das Ergebnis ist ernüchternd. Zwei Tage nach dem Hören einer Stimme konnten sich noch 83 Prozent an sie erinnern, zwei Wochen später nur 68 und fünf Monate danach nur noch 13 Prozent. Seither zog man lieber Experten zu Rate.
Der berühmteste Interpret von Stimmen stammt übrigens aus der Welt der Fiktion: Henry Higgins. In George Bernard Shaws Theaterstück „Pygmalion” – bzw. im
Musical „My Fair Lady” – kann er nicht nur dem Blumenmädchen Eliza Doolittle, sondern allen Engländern ihre Herkunft bis auf wenige Strassenzüge genau nachweisen.
Im Jahre 1926 experimentierte die Berliner Polizei mit „Stimmphysiognomik” und liess verurteilte Verbrecher Lieder singen („Wie oft hab ich in manchen trüben Stunden…”). Am Ende sollten dann Täterprofilen Stimmen zugeordnet werden; doch es funktionierte nicht. Heute hält man es für entscheidender, während aktueller Verhandlungen der Stimme eines Geiselnehmers den Grad seiner Nervosität ablauschen zu können – und mit aller Vorsicht beschäftigt man sich mit dem Klang der Lüge.





