Höhen und Tiefen einer Familie (3/4)
What’s going on
1967 kriselt es das erste Mal, als das erfolgreiche Songwriter- und Produzententrio Holland-Dozier-Holland die Firma nach einem Rechtsstreit wegen zurückgehaltener Tantiemen verlässt. Schlecht für Motown, gut für nachrückende Talente wie Norman Whitfield und Barrett Strong, die in den nächsten Jahren den Sound von Motown bestimmen sollen. Aus deren Feder fliessen Hits wie „I heard it through the grapevine”, „War” oder „Papa was a rollin’ stone”. Motown öffnet sich langsam auch den neueren Klängen, die mittlerweile die Soul & Funk-Szene dominieren. Mit den Jackson 5 um den damals gerade mal 11-jährigen Michael Jackson kommt weiteres frisches Blut in die Firma. Die „Hitmaschine Motown” ist in vollem Gang, doch Künstler wie Marvin Gaye und Little Stevie Wonder wollen sich nicht mehr in das Motown-Schema pressen lassen. Sie beginnen sich Ende der 60er-Jahre zu emanzipieren und greifen mit eigenen Ideen verstärkt ein. Der noch junge Stevie lässt schnell das „Little” vor seinem Namen fallen und wird als Multiinstrumentalist, Songwriter, Produzent und Sänger zu einem der grössten Motown-Künstler der 70er-Jahre überhaupt. Marvin Gaye setzt sich gegenüber dem Übervater Gordy durch und veröffentlicht eines der Soulalben des neuen Jahrzehnts: „What’s going on”.
Too busy thinking about my baby
1972 kommt es zu einem einschneidenden Ereignis in der Geschichte von Motown, wenn nicht sogar für die Stadt selbst. Berry Gordy plant ins Filmgeschäft einzusteigen und zieht mit dem kompletten Unternehmen nach Los Angeles. Nicht alle Künstler sind dazu bereit. Einige verlassen das Label, andere bleiben enttäuscht in Detroit zurück.
So auch Motowns Hausband, die genialen Funk Brothers. Diese Funk Brothers waren das Herz von Motown und bis zu diesem Zeitpunkt auf nahezu allen Hits zu hören. Anhand dieser Band zeigt sich auch das wesentliche Merkmal Motowns. Hier spielten schwarze und weisse Musiker zusammen und erschufen Musik nicht nur für Schwarze und Weisse. Diese Musiker – alles gestandene Jazzer – agierten jahrelang anonym im „Snakepit”, dem Studio von Hitsville U.S.A. Erst später wurden sie auf Alben überhaupt namentlich erwähnt. Der bewegende Dokumentarfilm mit dem treffenden Titel „Standing in the shadows of Motown” (2002) setzte den verdienten Musikern ein würdiges Denkmal – wenn auch bereits vielen posthum.
Since I lost my baby
Mit dem Weggang aus Detroit ist die grosse Motown-Familie nicht mehr das, was sie einmal war. Doch Berry Gordy gelingt es, neue Stars zu finden und aufzubauen. Seine Helden heissen jetzt Diana Ross, The Commodores, Lionel Richie, Rick James und – immer noch – Stevie Wonder. Der Soulsuperstar, der schon im Alter von 12 Jahren unter Vertrag genommen wurde, ist mit Motown gewachsen und aufgewachsen.
Als einziger Künstler der ersten Generation ist er dem Label bis heute treu geblieben.
