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Hörgeräte müssen rechtzeitig zum Einsatz kommen (Teil 1/3)
Schwerhörigkeit bei Neugeborenen und Kleinkindern wurde bisher meist zu spät diagnostiziert – dabei hängt vor allem die Sprachentwicklung von einem intakten Hörvermögen ab. Hörgeräte können eine große Hilfe sein, müssen aber rechtzeitig zum Einsatz kommen.
„Guck mal Knete. Hast du Knete im Ohr?“ – „Nein, das sind meine Lauscher, die brauch ich.“ Ein Sandkastendialog, wie ihn der vierjährige Emil schon öfters geführt hat. Wenn die Spielgefährten das Hörgerät an seinem Ohr entdecken, erklärt er ihnen, was es mit den blau-weiß gestreiften Passstücken auf sich hat, die er selbst seine „Lauscher“ nennt. Seit seinem ersten Lebensjahr sind sie seine Brücke zu den Klängen der Welt, ihnen hat er viel zu verdanken.
„Er nimmt das sehr locker“, erklärt Michelin Kober den unbeschwerten Umgang ihres Sohnes mit dem Gerät. Auch wenn Emils Sprachentwicklung dank seines Hörgeräts in den letzten zwei Jahren durchweg positiv verlaufen ist, wünscht sie sich manchmal, dass das Handicap ihres Sohnes früher entdeckt worden wäre. Für die Eltern waren gewisse Auf fälligkeiten schon früh unüberhörbar. „Wenn er gespielt hat, hat er laut gespielt und wenn er geweint hat, hat er laut geweint“, berichtet Emils Mutter. Ganz anders habe er sich verhalten, als damals seine zwei Jahre ältere Schwester Emma. Außerdem wurde deutlich, dass er entferntere Geräusche nicht wahrnahm, ebenso ließen die ersten Wörter auf sich warten.
Trotz eines Neugeborenen-Screenings und der Konsultation eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes blieb Emils Schwerhörigkeit bis zum Ende des ersten Lebensjahres von medizinischer Seite unentdeckt. Erst eine zweite Arzt-Visite der besorgten Eltern brachte ans Licht, dass Emil auf dem rechten Ohr hochgradig schwerhörig ist und auf dem linken fast vollständig taub. Nach einem Besuch bei einem Pädaudiologen im heimischen Stuttgart ging dann alles ganz schnell. Mit dem Hörgerät setzte Emils Sprachentwicklung rasant ein, innerhalb einer Woche begann er, die ersten Wörter zu sprechen, und schon bald darauf fing er an, die Welt mit ihren bis dahin unbekannten akustischen Dimensionen neu zu entdecken. „Er hat ziemlich schnell gemerkt, dass mit dem Hörgerät ein neues Hörerlebnis verbunden ist. Es war wahnsinnig interessant, zu sehen, was mit ihm passiert. Er ist ruhiger geworden und hat dann schnell angefangen zu sprechen – er hatte viel Spaß dabei, Neues zu entdecken und hat das Gerät gerne dringe lassen“, erinnert sich Frau Kober heute. Mit Hilfe der „Lauscher“ und einer Logopädin ist Emils Sprachverhalten heute altersgerecht. Im Schwerhörigenverein Stuttgart haben Eltern und Kind ein hilfreiches Forum zum Austausch und zur Weiterbildung gefunden, und, so Frau Kober, im Gespräch mit anderen Eltern auch erfahren, dass eine verspätete Diagnose eher die Regel als die Ausnahme ist.
Im Vergleich zu anderen Kindern wurde Emils Schwerhörig keit, auch aufgrund der beharrlichen Aufmerksamkeit seiner Eltern, noch relativ früh entdeckt – dies ist leider nicht immer der Fall. Dass Neugeborene abweichende Hör werte zeigen, gilt selten als besorgniserregend. Unter anderem deswegen, weil der Gehörgang in den ersten Tagen noch mit Fruchtwasser oder Material aus dem Geburtskanal verstopft sein kann. Das ist riskant: Bei wirklich beeinträchtigten Kindern werden Auffälligkeiten deswegen oft nur als vorübergehende Beeinträchtigungen bewertet, eine sorgfältige Untersuchung bleibt aus. Zum Nachteil der kleinen Patienten geht bei einer verschleppten Diagnose aber wertvolle Zeit verloren. Denn zur Hörbahnreifung, der kognitiven Entwicklung des zentralen Hörsystems, ist eine früh einsetzende Stimulierung notwendig. Was das Gehirn in der frühkindlichen Zeit nicht zu hören lernt, kann es ab dem zweiten Lebensjahr kaum noch nachholen.






