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Wieso das iPhone die Wandergitarre unserer Zeit ist (Teil 1/2)
Das Zirpen der Grillen, zwitschernde Vögel, ein traumhaft ruhiger Sommertag, sanftes Meeresrauschen am Strand, eine stille Waldlichtung, das Rauschen der Blätter, ein lauschiger Park, eine beschauliche Fahrt durch die Landschaft – all das sind Schlüsselreize für die Idioten dieser Welt, die Idylle schnellstmöglich mit wummernder Musik zu zerstören. Wer im Freibad von Handy-Musik beschallt wird oder in der U-Bahn neben einem Mitfahrer sitzt, der meint, seine rebellische Jugendlichkeit mit Trommelfell zerstörenden Beats unter Beweis stellen zu müssen, der wünscht sich in eine Zeit zurück, in der Musik ausschließlich im Musikzimmer stattfand und man seine komplette Musiksammlung nicht mal eben auf dem Handy mitnehmen konnte. Musik, so möchte man den Leuten in ihre kaputten Trommelfelle schreien, sollte man bewusst genießen, zu Hause und ganz für sich allein oder an dafür vorgesehenen Orten, im Konzertsaal, in der Oper, in Bar oder Club.
Dabei ist die Geschichte der mobilen und öffentlichen Klang- und Kracherzeugung kein Phänomen unserer Zeit und beginnt nicht erst mit Walkman oder MP3-Player: Flöten, Trommeln, Pauken und Trompeten begleiteten Feldherren und Fürsten schon vor Jahrhunderten, wenn sie ins Feld zogen oder in eine Stadt einritten. Prozessionen brachten gesungene Litaneien oder Psalmenmelodien auf die Straßen. Marschmusik regelte die Bewegung großer Menschenmengen. Maultrommeln, Mundharmonikas, Schellen, Klampfen und Wandergitarren hatten vor allem die Aufgabe, im Freien Lärm zu machen und nur selten den Anspruch, mehr als laute Töne oder geschrammelte Akkorde hervorzubringen. Einige Zeit schien diese Tradition der öffentlichen Geräuscherzeugung fast in Vergessenheit geraten und wurde nur von den notorischen Bongotrommlern im Park und von Straßenmusikanten aufrechterhalten. Seit der Erfindung von Kofferradio, Radiorekorder oder Ghettoblaster und deren Blütezeit in den Siebziger- und Achtzigerjahren trug man seine Musik zwar mit sich herum und unterlegte das eigene Leben mit dem passenden Soundtrack, griff dabei jedoch immer auf Musik zurück, die andere gemacht hatten.
Das hat sich mit dem iPhone geändert. Der digitale Alleskönner, der vor ein paar Jahren in unser Leben getreten ist, bietet natürlich auch Platz für die gesamte Musiksammlung, die man mit sich führen und jederzeit geräuschvoll abspielen kann, mit der man sich von der Außenwelt abschotten und sich zum Joggen motivieren kann. Er ist aber gleichzeitig der Speicher unzähliger „Apps“, mit denen sich an die lange Tradition der eigenständigen kreativen Klangerzeugung im öffentlichen Raum anknüpfen lässt: Unzählige der kleinen Programme oder Anwendungen machen nichts anderes, als einen oder mehrere digitale Töne bereitzustellen. „Desk Bell & Buzzer“ etwa stellt die Klänge zur Verfügung, die man braucht, um im Bedarfsfall ein Fernsehquiz zu veranstalten und professionell mit dem Glockenklang für die richtige und dem ernüchternden Summton für die falsche Antwort zu unterlegen. Dutzende Apps machen die Geräusche eines elektrischen Rasierapparats nach, um jederzeit witzigerweise so tun zu können, als würde man sich mit seinem Mobiltelefon rasieren. „Otohime“-Apps stellen Klänge von der Wasserspülung bis zum Dudelsackspiel bereit, die in Japan gerne genutzt werden, um peinliche Geräusche beim Toilettengang zu übertönen. Die „Moo“-App macht „Muh“, wenn man das Handy umdreht. „Drum Kitchen“ erlaubt die Rhythmuserzeugung mit virtuellen Küchengeräten. Mit „i-Horn“ lassen sich Hup- und Trötgeräusche erzeugen, mit denen die Lautsprecher des Gerätes an ihre Grenzen kommen. „NervSounds“ bietet Gänsehaut verursachende Geräusche wie das Kratzen von Fingernägeln auf einer Kreidetafel oder einer Gabel auf dem Teller. Immer neue Sound-Apps bieten Tausende von Klängen auf Knopfdruck: Geräusche aus dem Straßenverkehr wie eine Polizeisirene oder das Geräusch eines vorbeifahrenden LKWs. Menschliche Klänge wie Babygeschrei, Niesen oder Furzgeräusche. Die Geräusche bei der Schafschur, beim Zahnarzt, beim Sprühen mit einer Spraydose oder beim Wein-Entkorken. Die Töne von Kettensägen und den dazugehörenden Massakern. Computerklänge, vergessene Klänge, Filmzitate und die Sound-Repertoires von Star Trek oder Star Wars, vom Raumschifftüröffner bis Laserschwert. Kurz: Alle Klänge, die man im Alltag laufend braucht und bisher viel zu selten dabeihatte.






