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Anwendungen für Musiker (Teil 2/2)
Daneben gibt es mehr oder weniger ernst zu nehmende Anwendungen für Musiker: Dutzende Apps versuchen sich als digitales Piano, Gitarre, Trommel oder Ocarina. Es gibt Apps zum Schreiben oder Komponieren von Musik, um sie wie in einem Tonstudio mehrspurig aufzunehmen, um die komponierte Musik im Netz auszutauschen, um Instrumente zu lernen oder sie zu stimmen, um Drum-Loops zu erzeugen oder mit einem digitalen Metronom den Takt zu halten. Einige Apps der letzten Jahre stellen musikalische Experimente mit dem neuen, interaktiven Medium dar: So mischt etwa „RjDj“ aufgenommene Sprache, Musik oder Umgebungsgeräusche mit musikalischen Versatzstücken und kreiert daraus individuelle Soundlandschaften. „24 Hours: The Starck Mix“ ist das frühe Experiment eines 24-Stunden-Soundtracks für den französischen Designer Philippe Starck, bei dem jeder Tageszeit bestimmte Klangfolgen zugeordnet sind: Öffnet der Nutzer die App, setzt immer die Musik der aktuellen Uhrzeit ein, er kann aber auch in die Vergangenheit oder die Zukunft scrollen.
Mit „Bloom“ schuf der ehemalige Roxy-Music-Musiker Brian Eno zusammen mit dem Musiker und Software-Designer Peter Chilvers schon 2006 eine App, die heute bereits als „App-Klassiker“ gilt: Mit ihr lassen sich – zufallsbasiert oder selbst erzeugt – meditative Klangfolgen generieren. Klang- und Bildeigenschaften werden dabei dem Medium gemäß verknüpft, die Töne werden optisch mit Farbpunkten visualisiert, die wie bunte Regentropfen auf dem Display des iPhones erscheinen und selbst kleine Kinder verzückt auf dem Gerät herumdrücken lassen. Auch die von Eno und Chilvers entwickelten Apps „Trope“ und „Air“ knüpfen an den Erfolg dieser Idee an, atmosphärische Klänge intuitiv auf dem Bildschirm zu erzeugen und mit grafisch anspruchsvollen Bildkompositionen zu verbinden.
Mit der passenden App wird das Mobiltelefon zum Klangerzeugungsgerät für jede Gelegenheit – vom Musikinstrument, über Synthesizer, Drum-Computer und Beat- Box bis hin zum bloßen Krachmacher. Das iPhone ist die Wandergitarre unserer Zeit, die man mit auf die Straße nimmt und bei der meist nicht die Qualität der Töne als vielmehr ihre Verfügbarkeit im Vordergrund steht. Es greift auf Klangsammlungen zu, die bisher kaum ein Privatmensch zu Hause hatte und die man bisher auch nie brauchte. Es belegt, dass Klänge selbst im Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit noch immer eine gewaltige Faszination auf uns ausüben: Wer Töne von sich gibt – in welcher Form auch immer – macht auf sich aufmerksam und zeigt im Idealfall Präsenz und Bedeutung. Wer sich aber beim nächsten Aufenthalt im Park über allzu präsente Mitmenschen ärgert, kann problemlos mit der passenden App auf seinem Handy zurückschlagen: mit lautstarkem digitalen Vogelgezwitscher und zirpenden Grillen, dräuendem Meeresrauschen, Blitz, Donner- und bedrohlichen Waldgeräuschen, die klarstellen, dass hier eigentlich die Natur die Klanghoheit hat. Hilft das nichts, kann man mit einer Dezibel-App zunächst messen, ob sich eine Strafanzeige lohnt. Wer dann resignieren muss, kann sich mit Musikerkennungsprogrammen wie „Shazam“ zumindest sagen lassen, wie das unfreiwillig mitgehörte Stück heißt, es gleich laden und auf der Fahrt nach Hause in der U-Bahn hören. In voller Lautstärke natürlich. Es sollen ja alle was davon haben.
Markus Frenzl





