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Wenn Tarzan brüllt – zu Natur und Kultur des Schreis (Teil 1/4)
Einer Kartoffel oder Auster bringen wir nur wenig Mitgefühl entgegen. Das beobachtete einst Samuel Butler und fand auch gleich eine Ursache dafür: „Da sie uns nicht mit Wehgeschrei belästigen“, so schreibt er, „nennen wir diese Dinge gefühllos, und vom menschlichen Standpunkt aus sind sie es auch; aber die Menschheit ist nicht jedermann.“ Und so denken Kultur und Zivilisation – will sagen: ihre menschlichen Vertreter – gerade anhand des Schreis über das nach, was dazu gehört und was außen vor bleiben soll. Und das ist auch heute noch von Interesse. Etwa wenn es um eine Ökonomie der Aufmerksamkeit geht, um Medien, Werbung und Politik als „Schrei oder Stirb“-Geschäft. Denn: „Wenn jemand brüllt, sind seine Worte nicht mehr wichtig“, konstatierte schon Sir Peter Ustinov.
Aber was ist nun ein Schrei? Der Schrei, so meint man, sei das Gegenteil von Kultur. Im Schrei verdichtet sich das Leben zu einer einzigen Äußerung. Mit aller Kraft ausgestoßen, ist er die Summe aller möglichen Empfindungen. Menschen schreien vor Wut und Lust, in Freude oder Schmerz, aus Angst und Anstrengung, aus Protest oder zur Warnung. Dass man seine Stimme erhebt, um sich jemandem verständlich zu machen, der weiter weg ist oder einen anfangs nicht hört, beschreibt dagegen kommunikative Ausnahmen. Denn Schreie „gellen“ und „schrillen“, sind „verzweifelt“ oder „durchdringend“, selten „aussagekräftig“, niemals „beredt“.
Mittags im Dschungel: Wasser plätschert, Vögel zwitschern, aber dann brüllt Tarzan. Er ruft die Natur um Hilfe, Elefanten und Affen eilen herbei und sogar Löwen kommen herzu. Tarzan röhrt und macht seinen Feinden Angst. Und auch am Ende des Films heißt es: Tarzan schreit. Denn so bestätigt er seit 1912, als ihn sich der Schriftsteller Edgar Rice Burroughs erdachte, dass er, wieder einmal, gesiegt hat. Folgerichtig baten amerikanische Soldaten den berühmtesten aller Tarzan-Darsteller, Johnny Weissmuller, Schauspieler und Schwimmerass, seinen Schrei auch auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges auszustoßen.






