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Was Unterwasserklangbilder über einen Fluss aussagen (Teil 1/2)

Der Schriftsteller und Naturfreund Hermann Löns schrieb über eine Angeltour zu einem Fluss im Harz: „Oben am Wehr beginne ich, da wo zwischen den glucksenden, rauschenden, strudelnden, sprudelnden Wassern eine klare grüne Stelle ist.“ Wenn der Schweizer Diego Tonolla statt einer Angel seine Spezialmikrofone in einen Fluss taucht, geht es ihm jedoch nicht, wie man vermuten könnte, um den ästhetischen Genuss der verschiedenen Klänge eines fließenden Gewässers, wie sie Löns und andere Dichter lautmalerisch beschrieben haben. Sein Anliegen ist wesentlich prosaischer: Er will dem Gesundheitszustand eines Bachs oder Flusses – im wahrsten Sinne des Wortes – auf den Grund gehen. Was er über seine Kopfhörer vernimmt, hat nichts mit Tonqualitäten zu tun, die romantische Gefühle wecken könnten, sondern mit Indikatoren, die vor allem etwas über den Sauerstoffgehalt des Wassers aussagen.

ecological conditions under water 04

Diego Tonolla ist Limnologe (Gewässerforscher) am Wasserforschungsinstitut Eawag der Technischen Hochschule Zürich und ein Pionier dieses neuen Ver fahrens, mit dessen Hilfe der ökologische Status von fließenden Gewässern bestimmt wird. Mit seinen Hydrophonen – so der Fachausdruck für die Spezialmikrofone – nimmt er die Klangbilder auf, die je nach Fluss, seinen Strömungsverhältnissen und den Fließgeschwindigkeiten so unterschiedlich sind, dass Tonolla für jedes untersuchte Gewässer einen akustischen „Fingerabdruck“ erstellen kann. „Jeder Fluss tönt anders“, sagt er, „aber trotzdem finden wir typische Klangmuster“.

Diese gewinnt er durch die besonderen Eigenschaften des Hydrophons, das den Wasserschall in eine dem Schalldruck entsprechende elektrische Spannung umwandelt. Sie erzeugt Töne, die man als Brummen oder Rauschen wahrnimmt. Bei geradem Flussbett und gleichmäßiger Fließgeschwindigkeit ist ein dumpfer Basston mit tiefen Frequenzen zu hören. Schießt das Wasser über eine Schwelle, werden die mittleren Frequenzen verstärkt. Ein Wasserfall lässt den Klangteppich stark anschwellen, und wenn der Bach oder Fluss dann wieder gemächlich dahingleitet und sein Lauf von Biegungen und Kiesbänken gebremst wird, erreicht nur noch ein kaum hörbares Rauschen das Ohr. Diese Geräusche werden in Daten von Lautstärken, Frequenzen und Zeiteinheiten umgesetzt, und eine Software verwandelt sie dann in farbige Diagramme, die Aufschluss über die ökologische Verfassung des Gewässers geben. Auf diese Weise kann der Zustand eines ganzen Flusslaufs analysiert und dargestellt werden. Das hat Tonolla – abgesehen von seinen Statusexplorationen von rund 20 europäischen, meist Schweizer Flüssen – z. B. mit Kollegen von der University of Montana praktiziert. Sie fuhren den North Fork Flathead River in den Rocky Mountains 30 Kilo meter hinunter und stellten von ihm ein akustisches Konterfei her.

Diego Tonolla, der inzwischen mit Nathaniel Morse von der University of Vermont und anderen Limnologen engagierte Mitstreiter gewonnen hat, plädiert für seine Methode,
weil sie „bestechend einfach“ ist. „Wo mehr Tur bu lenzen, also mehr Klang ist, wird mehr Sauerstoff aufgenommen.“