Gesundheit & Wohlbefinden

Was die eigene körperliche Fitness angeht, so bestätigen insgesamt 45% der Hörgerätbesitzer und 44% der Nichtbesitzer: „Ich bin körperlich genauso fit wie meine Freunde und Bekannten.“ Zum Vergleich: In der Kontrollgruppe stimmen diesem Statement 43% der Befragten zu. Offensichtlich hat der Hörverlust also keinen Einfluss auf Gesundheit und körperliche Fitness. Oder doch?

Betrachtet man nur diejenigen, deren Hörminderung mehr als nur „leicht“ ist, zeigen sich plötzlich deutlich erkennbare Unterschiede. In der Gruppe der Hörgeräteträger sind es immer noch 44%, die sich genauso fit fühlen wie ihre Freunde und Bekannten. In der Gruppe derjenigen, die noch nichts gegen ihre Hörminderung unternommen haben, sind es jedoch nur noch 34%.

„Wenn wir lesen, lesen wir ja nicht wirklich jeden einzelnen Buchstaben und jedes Wort in einem Satz. Unser Gehirn sucht sich die wichtigsten Ankerpunkte heraus und ergänzt den fehlenden Teil, das geht ganz automatisch. Wenn jemand nicht mehr gut hört, passiert etwas Ähnliches: Man versteht nur einen gewissen Teil, und das Gehirn interpretiert den Rest. Das Gehirn muss dabei aber sehr viel mehr Arbeit leisten als beim Lesen, und darum ist es so anstrengend und ermüdend, schlecht zu hören.“ 
Robert Beiny, Hörgeräteakustiker (England)


Einfluss hat das Tragen oder Nichttragen eines Hörgerätes aber nicht nur auf die körperliche Fitness, sondern auch auf das übrige Wohlbefinden. Die Studie „Hören ist Leben“ zeigt, dass diejenigen Befragten (mittlere bis starke Hörminderungen), die kein Hörgerät tragen, sich jeweils häufiger als die Vergleichsgruppe der Hörgerätbesitzer traurig oder deprimiert fühlen, häufiger unsicher oder grundlos wütend sind, häufiger das Interesse an Dingen und Unternehmungen verloren haben, die früher wichtig für sie waren, sich häufiger isoliert und frustriert fühlen und vor allem häufiger an Schlafstörungen leiden (siehe Abbildung 16). 

Abbildung 16: Erste Anzeichen von Depressionen

Zum anderen profitieren die Befragten mit Hörgerät aber offensichtlich auch in Sachen Entspannung. 59% von ihnen geben an, sich gut entspannen zu können, unter den Nichtbesitzern sind es nur 49% (jeweils moderate bis schwere Hörminderungen). Dazu meint Dr. Inge Richter, Oberärztin in der Abteilung für Hörgeschädigte im Klinikum am Europakanal in Erlangen: „Gerade wenn eine Hörminderung erst im Erwachsenen alter auftritt, werden die Kommunikationsprobleme gerne überspielt und kaschiert. Dies wird aber mit zunehmendem Hörverlust immer schwieriger. Der damit verbundene Stress kann zu einer wachsenden Beeinträchtigung der Lebensqualität führen.“

In ihrem klinischen Alltag erlebt Dr. Richter häufig, dass Patienten, die ihre Hörminderungen nicht mehr ausreichend kompensieren können, als Ausdruck der permanenten Stresssituation über vielfältige körperliche wie psychische Beschwerden klagen. Die Versorgung mit einem Hörgerät, so Dr. Richter weiter, ermöglicht die akustische Wiederanbindung an das Umfeld und trägt zu einer Verbesserung der Kommunikationssituation bei. „Sprache wird besser verstanden, man muss sich nicht mehr ständig so stark konzentrieren. Hörgeräteträger können sich dadurch besser entspannen, erleben weniger Stress und gewinnen Lebensqualität zurück.“ Trotz aller Entspannung ist aber auch Langeweile kein Thema für die befragten Hörgeräteträger.

Der Aussage „Ich weiss mich auch in meiner Freizeit gut zu beschäftigen, langweilig ist mir nie“ stimmen knapp drei Viertel der befragten Hörgeräteträger (74%) zu, das sind ebenso viele wie in der Kontrollgruppe (73%). In der Gruppe derjenigen, die noch kein Hörgerät besitzen, beträgt die Zustimmung hingegen nur 61%.

Nimmt man all diese Ergebnisse zusammen, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass insgesamt sieben von zehn Befragten der Ansicht sind, ihr Hörgerät habe einen positiven Einfluss auf ihre Gesundheit.

Abbildung 17: Konzentration (Vergleich Hörgerätbesitzer und Nichtbesitzer)

Die genannten Symptome gelten in der Medizin gemeinhin als mögliche erste Indikatoren für depressive Verstimmungen. Dr. med. Annette Menzel, Ärztin für Psychiatrie, Psychotherapie, Neurologie und Psychoanalyse in Kassel kommentiert diese Ergebnisse so: „Die relativ hohen Zustimmungswerte zu einzelnen Depressions-Aspekten bei Personen mit Hörverlust aber ohne Hörgerät überraschen mich nicht.

Man kann eindeutig erkennen, dass Menschen, die einen höhergradigen Hörverlust nicht korrigieren lassen, offensichtlich eher unter depressiven Symptomen leiden.“ Eine mögliche Folge der Kommunikationsstörung, die durch die Hörstörung entstehe, so erklärt Dr. Menzel, sei die Isolation des Betroffenen. Menschen mit Hörminderung fehlen die üblichen Möglichkeiten mit anderen in Kontakt zu treten – Folge dieser Isolation können eben eine depressive Entwicklung und erhöhte Ängstlichkeit, aber auch zunehmendes Misstrauen anderen gegenüber sein. Es liegt auf der Hand, dass ein Hörgerät hier schnell Abhilfe schaffen kann. Die Expertin weist in diesem Zusammenhang auf die geringen Unterschiede in der Depressionsneigung zwischen der Kontrollgruppe und den Hörgeräteträgern hin: „Eine Hörminderung“, so führt sie aus, „führt also keineswegs automatisch zu einer Depression – vielmehr geht es immer darum, wie man damit umgeht.“

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