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Cochlea Implantate

My entdeckt ihre Liebe für Musik

14. Oktober 2019
Seit einem halben Jahr kann die junge Vietnamesin My klar und gut hören – dank einem Cochlea-Implantat und begleitender Therapie. Ihr Leben hat sich seither stark verändert.
Die fünf Jahre alte My hat eine neue Leidenschaft. Sie singt. Zusammen mit ihrer zwölf Jahre älteren Schwester hat die junge Vietnamesin die ersten Takte eines Elvis-Presley-Songs einstudiert. "Wise men say", brummt My. "Only fools rush in", stimmt ihre Schwester mit ein und spielt auf ihrer Gitarre die Melodie von "Can't Help Falling In Love". Das Duett der beiden ist für ihre Mutter Hanh wie ein Wunder. My kam mit schwerem Hörverlust zur Welt und konnte jahrelang selbst Geräusche in ihrer unmittelbaren Nähe nicht wahrnehmen. "Inzwischen liebt sie Musik", sagt ihre Mutter.
Geholfen hat dem Mädchen ein Cochlea-Implantat (CI), das sie Anfang des Jahres bei einer Operation in Ho-Chi-Minh-Stadt eingesetzt bekam. Das CI-System wandelt Schallinformationen in elektrische Impulse um und sendet diese über den Hörnerv ans Gehirn. In Vietnam ist die aufwendige Technik für die meisten Menschen unbezahlbar, weil es keine staatliche Krankenversicherung gibt. Die Hear the World Foundation hat zusammen mit der der Global Foundation For Children With Hearing Loss ein Projekt initiiert, das bedürftige Familien Zugang zu einer CI Versorgung und therapeutischer Nachversorgung gibt. My war eine der ersten, die von dem Programm profitiert hat.

Ein halbes Jahr nach der Aktivierung des Systems sitzen My und ihre Eltern in einem Restaurant in Ho-Chi-Minh-Stadt. Das Mädchen trägt bunte Gummiringe in ihrem Haar und hat einen Teller Nudeln vor sich, ihre Lieblingsspeise. Ihre Tochter habe sich sehr verändert seit sie mit dem Implantat lebt, erzählt Hanh. Früher sei sie schnell frustriert und zornig geworden. Inzwischen blühe sie charakterlich regelrecht auf. In der Schule könne sie sich besser konzentrieren und habe neue Freunde gefunden.

Während ihre Mutter erzählt, presst My ihr Gesicht an eine Fensterscheibe im Restaurant und beobachtet den endlosen Strom an Mopeds, der sich seinen Weg durch die Metropole bahnt. Wenn sie früher verträumt in die Ferne starrte und ihre Mutter sie rief, gab es keine Reaktion. "Selbst wenn ich laut geklatscht habe, half das nichts", sagt Hanh. My bemerkte ihre Eltern nur, wenn sie direkt vor ihr standen. Lange wollte die Familie die Probleme nicht wahrhaben. Diagnostiziert wurde der Hörverlust erst, als My bereits drei Jahre alt war und wegen eines Fiebers zum Arzt musste. Obwohl sie bereits lange geahnt hatte, dass etwas nicht stimmte, stürzte Hanh durch die Nachricht in ein emotionales Loch. "Ich sah keinen Weg, wie ich meinem Kind eine Zukunft bieten könnte."

Hanh ist 37 Jahre alt und arbeitete bis vor kurzem in einer Fabrik für Lederschuhe. Ihr 13 Jahre älterer Mann ist in einer Wasseraufbereitungsanlage tätig. Gemeinsam verdienten die beiden zu wenig, um die kostspielige Behandlung zu finanzieren. Hoffnung kam in das Leben der Familie nur langsam zurück. Mit Unterstützung der Global Foundation For Children With Hearing Loss bekam My ein Hörgerät, das sich die Eltern alleine nicht hätten leisten können. My kam in einer Sonderschule, wo die Global Foundation For Children With Hearing Loss Lehrpersonal ausgebildet hat – so bekam My die bestmögliche Unterstützung und hat angefangen, etwas zu sprechen. Auf Grund ihres hochgradigen Hörverlusts waren die Hörgeräte aber nicht ausreichend, damit My richtig sprechen lernen konnte.
Über die Sonderschule wurde Hanh auf das neue CI-Programm der Global Foundation for Children with Hearing Loss und der Hear the World Foundation aufmerksam. "Es ist ein unbeschreibliches Glück, dass wir ausgewählt wurden", sagt Hanh.

In ihrer Familie sorgen seither bereits vermeintliche Kleinigkeiten für grosse Freude: "Selbst wenn ich den Klingelton am Handy auf leise stelle, kann sie ihn hören", sagt Hanh begeistert. In der unerwarteten Chance für ihre Tochter sieht Hanh auch eine Verpflichtung. "Ich weiss, dass es viele Familien gibt, denen diese Möglichkeiten nicht offen stehen", sagt sie. "Ich sehe es deshalb als meine Aufgabe, dieses Geschenk so gut zu nutzen, wie es geht." Sicherzustellen, dass My keine einzige Sitzung ihrer Sprachtherapie verpasst und zuhause die empfohlenen Übungen macht, ist für sie deshalb selbstverständlich. Hanh will aber noch mehr tun und hat deshalb ihren Job aufgegeben, um mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen zu können. Sie will so viel wie möglich mit My sprechen, damit sich ihre sprachlichen Fähigkeiten rasch verbessern. Abends liest sie ihr zudem Kinderbücher vor. Am liebsten mag My Geschichten, in denen Tiere Abenteuer erleben.

My‘s Aussprache ist zwar noch nicht perfekt, aber inzwischen können die beiden normale Gespräche miteinander führen. "Morgens ruft sie mir fast täglich zu: Wo ist meine Zahnbürste? Wo sind meine Schuhe?", erzählt Hanh. Sie fügt hinzu: Manchmal höre das kleine Mädchen fast gar nicht mehr auf, zu plappern.
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